Nussdorfer Brauerei

März 2016

Franz Xaver Bosch
Franz Xaver Bosch, Quelle: Wikimedia Commons

Die Nussdorfer Brauerei ist nicht nur durch die seinerzeitige Überfuhr über die Donau mit der zuletzt besuchten Jedleseer Brauerei verbunden, es gibt auch familiäre Bande. Während Anton Bosch in die Jedleseer Brauerei einheiratete, gründete sein Bruder Franz Xaver Bosch in Nussdorf sein eigenes Brauhaus.

 

Schon 1378 hatte die Familie Würffel in Nussdorf Besitzungen. Im 16. Jahrhundert kam der sogenannte Würffelhof in der Hackhofergasse 9 in den Besitz von Lazarus Grafen Henckel von Donnersmarck, der darin einen Weingroßhandel betrieb. 1665 richtete der Jesuitenorden ein Kollegium für Theologiestudenten ein. Nach Aufhebung des Ordens durch Maria Theresia 1773 diente das Gebäude als Waffenlager, kam dann in privaten Besitz und ab 1796 an das Stift Klosterneuburg. Soweit die Vorgeschichte des Brauereigebäudes.

 

Sechs Jahre nachdem Anton Bosch in Jedlesee aktiv geworden war, kaufte sein ebenfalls aus Bayern eingewanderte Bruder Franz Xaver Bosch (sen.) den Jesuitenhof und gründete darin 1819, mitten in einer der bedeutendsten Weingegenden Wiens, die Nussdorfer Brauerei. Franz Xaver war sehr erfolgreich. 1842 errichtete er in der Eichelhofstraße 3 den „Bockkeller“, einen großen Biergarten mit Aussichtsturm, der einen Blick über die Donau bot. Beliebtestes Bier war ein sehr dunkles „St. Thomas Bräu“.

Bockkeller 1918
Bockkeller 1918, Quelle: Wikimedia Commons
Karl Adolf sen. und Albertiner Bachofen von Echt 1884
Karl Adolf sen. und Albertiner Bachofen von Echt 1884, Quelle: Wikimedia Commons

Nach dem Tod des Seniors übernahm sein Sohn Franz Xaver Bosch jun. für vier Jahre den Betrieb. 1864 ging die Brauerei auf den zweiten Sohn des Firmengründers, Rudolf Bosch und seine beiden Schwager Georg Räch und Karl Adolf Bachofen von Echt (sen.) über. 1877 übernahm Karoline Bosch den Anteil von ihrem verstorbenen Mann Rudolf, 1878 übernahm der aus einer Industriellenfamilie stammende Johann von Medinger jun. den Anteil von seinem Schwiegervater Georg Räch. Nach dem Ausscheiden von Karoline Bosch 1885 firmierte das Unternehmen nun unter Nussdorfer Bierbrauerei von Bachofen & Medinger.

Nussdorfer Bierbrauerei 1860
Nussdorfer Bierbrauerei 1860, Quelle: Wikimedia Commons

 

In dieser Zeit wurde die Brauerei weiter modernisiert. 1873 wurden neue Darren errichtet. 1890 baute man ein Arbeiterwohnheim, es war das erste einer Brauerei überhaupt, was damals eine soziale Pioniertat darstellte. In dieser Zeit war Karl Adolf Bachofen von Echt auch Bürgermeister von Nussdorf, bzw. danach Wiener Gemeinderat. Es kam ein weiterer Braugasthof Zur goldenen Rose am Nussdorfer Platz 8 dazu. 1893 entstand ein neues Sudhaus. 1895 stieg Karl Adolf Bachofen von Echt jun. statt dem Senior in die Brauerei ein. 1896 wurde ein Kühlhaus errichtet. Die Anlagen und Gebäude umfassten nun schon eine Fläche von 12 ha.

 

Ab 1897 wurde man damals einziger Wiener Hoflieferant für Bier und bezeichnete sich fortan als k.u.k. Hof-Brauhaus, was aber verboten wurde, da die Brauerei nicht im Besitz des Kaiserhauses war. Schließlich wurde der Titel k.u.k. Hof-Brauer zugelassen. Jedenfalls braute man ab 1904 ein vom Hofarzt Kaiser Franz Josephs verordnetes besonders starkes dunkles Bier, das exklusiv dem Hof vorbehalten war.

 

Johann von Medinger war ab 1903 auch Miteigentümer einer Brauerei in Jablonec (Gablonz) in Nordtschechien, deren Nachfolgeunternehmen als Pivovar Vratislavice noch immer existiert. Ebenfalls 1903 kaufte die Familie Bachofen, was noch von Bedeutung sein wird, den gegenüber der Brauerei liegenden Altenburger Freihof, vermutlich um eine Niederlassung der Brauerei Pilsen zu verhindern. Der Altenburger Freihof hatte eine ähnliche Geschichte wie der Würffelhof, er ist sogar noch ein wenig älter (1346), gehörte auch einem Kloster (Stift Altenburg) und in ihm war vor Übernahme durch die Brauerei auch ein Weingroßhandel untergebracht.

 

Blechschilder Nussdorfer Brauerei, Quelle: www.schildersammler.com

 

1908 wurde die Nussdorfer Brauerei in die Nussdorfer Bierbrauerei AG umgewandelt, blieb aber weiterhin fast ausschließlich im Familienbesitz. Bei der Familie Bachofen waren neben Karl Adolf Bachofen von Echt jun. noch August, Eberhart, Werner und Elisabeth Mitbesitzer. Bei der Familien Medinger neben Johann Medinger jun. noch Hans, Wilhelm, Eduard und Wolfgang. Auf wie viele Generationen sich diese Familienmitglieder verteilten, konnte ich leider nicht mehr recherchieren.

 

Die Brauerei überstand auch den Zweiten Weltkrieg und war neben den noch immer bestehenden Brauereien Schwechat und Ottakring, sowie mit der Brauerei Liesing und dem Brauhaus der Stadt Wien eines der letzten verbleibenden Brauhäuser. Auch war sie eine der größten jemals in Wien betrieben Brauereien, um 1900 hatte man einen Spitzenausstoß von 229.000 hl, damit läge man heute irgendwo zwischen der Murauer und der Zwettler Brauerei.

 

Trotzdem ereilte sie (vorerst) das gleiche Schicksal wie die Jedleseer Brauerei. 1950 wurde die Nussdorfer Brauerei von der Brauerei Schwechat übernommen und stillgelegt. Kurioserweise wurden die Brauereianlagen nach Brasilien verschifft wo mit österreichischer Beteiligung die Companhia Paulista de Cervejas Vienenses gegründet wurde. Diese wurde später von der heute noch bestehenden brasilianischen Brauerei Brahama übernommen.

 

1965 wurde ein Großteil der Brauereigebäude demoliert, und durch eine Reihenhausanlage ersetzt. Lediglich die Keimzelle der Brauerei der (umgebaute) Würffelhof blieb erhalten.

 

Logo Brauhaus Nussdorf
Logo Brauhaus Nussdorf, Quelle: Wikimedia Commons

Die Geschichte der Brauerei ist aber noch nicht ganz zu Ende. 1984 eröffnete der Urenkel von Karl Adolf Bachofen von Echt (sen.) Henrik Bachofen von Echt (er durfte als Schweizer Staatsbürger weiterhin den Adelstitel führen) im Altenburger Freihof das Brauhaus Nussdorf. Henrik war außerdem Kernphysiker in Zwentendorf und Rinderzüchter in New Mexiko und betrieb die Brauerei sozusagen nur als Hobby.

 

Da das Brauhaus also sowohl familiäre als auch örtliche Verbindungen zur früheren Nussdorfer Brauerei hatte, wäre ich im Gegensatz zur offiziellen Geschichtsschreibung geneigt zu sagen, dass der Bestand eigentlich weitergeführt wurde und es nur eine 34-jährige Unterbrechung in der Bierproduktion gab.

 

Verkostet werden konnte das Bier in der Nussdorfer Braustub'n in der Heiligenstädter Straße 205b, einem Nebengebäude des Freihofs. Darin bin ich auch selber noch gesessen und habe dadurch ein Märzen, ein Doppelhopfen, die Wiederauflage des St. Thomas Bräu, ein Festbier und die Sorten „Sir Henry's English Stout" und "Nussdorfer Old Whiskey“ in meiner Flaschensammlung aufnehmen können. 2004 schloss die Brauerei, nun aber vermutlich endgültig. 2007 starb Henrik Bachofen von Echt.

Für unseren Rundgang treffen wir uns in Heiligenstadt. Direkt vor der U-Bahn Station verläuft die Boschstraße, die nach dem Brauereigründer benannt ist. Dieser folgen wir (teilweise mit dem Bus) Richtung Norden.

 

Am Ende der Boschstraße stoßen wir an die Bachofengasse und haben damit eine Erinnerung an Karl Adolf Bachofen von Echt (sen.). Gehen wir nun Richtung Westen in die Sickenbergasse, kommen wir in das historische Zentrum Nussdorfs und sehen einige Häuser, die jedenfalls älter sind als die Brauerei. Wir folgen rechts der Greinergasse, kommen zur Zahnradbahnstraße und damit zum Brauereiareal, das wir nun einmal umwandern möchten.

 

Südlich der Brauerei kann man heute nicht mehr direkt an der Grundgrenze entlang. Im Hof des Hauses Zahnradbahnstraße 2-4 bzw. vom Spielplatz beim Haus Zahnradbahnstraße 10, Stiege 4 sieht man jedoch eine Mauer, die noch die Begrenzung der Brauerei sein könnte. Am Ende der Umkehrschleife der Straßenbahn biegen wir in die nach dem Biergarten benannte Bockkellerstraße ein, die ungefähr das obere Ende der Brauerei markiert. Rechts geht es in die Nussberggasse, dort wo sie einen leichten Linksknick macht verlief die Grundgrenze der Brauerei gerade weiter. Auch hier lässt sich noch eine Originalmauer vermuten.

Am Ende erreichen wir die Eichelhofstraße. Es empfiehlt sich, bis zur ersten Kurve hinaufzuwandern. Hoch über der Straße liegt das Plateau, wo der Bockkeller zu finden war. Dieser überlebte den zweiten Weltkrieg nicht, auch dort ist heute eine Wohnhausanlage zu finden. Ich nehme an, dass der verfallenen Stiegenaufgang einst in den Biergarten führte.

Wieder zurück biegen wir in die Hackhofergasse ein, bei der Wohnhausanlage auf Nr. 11 sind wir beim Braureigelände angelangt. Bei Nr. 9 sehen wir den erhalten gebliebenen Bauteil der Brauerei, der Verwendungszweck lässt sich noch gut erahnen. Auf den Lünetten über den Fenstern sind szenische Darstellungen zu sehen, die zumindest teilweise mit Bierbrauen zu tun haben. Getreideernte, Maischen und ein Bierfuhrwerk hätte ich erkannt. Im Deckenbogen in der Durchfahrt sind die Initialen von Franz Xaver Bosch „XB“ erkennbar.

Gegenüber in der Freihofgasse 1 finden wir den ehemaligen Altenburger Freihof, auf dem noch Werbeschilder zur wiedereröffneten Braustube in der Heiligenstädter Straße weisen. Wir biegen in die Freihofgasse ein, die, wem wundert es, bis 1894 Bräuhausgasse hieß. In der Heiligenstädter Straße links sehen wir noch unzählige Spuren der einstigen Nussdorfer Braustub'n.

Wir verlassen nun diesen traurigen Ort verfallener Braukultur und wenden uns Richtung Nussdorfer Platz. Das schön renovierten Haus Nr. 8 ist der ehemalige Braugasthof „Zur goldenen Rose“, in einem Stuckornament im 2. Stock der Front zur Heiligenstädter Straße ist möglicherweise auch ein Bierzeichen zu erkennen. Heute ist in diesem Haus das asiatische Restaurant Chen untergebracht, hier gäbe es zwar auch die Möglichkeit Bier zu sich zu nehmen, wir wenden uns aber schräg vis-a-vis dem Gasthof Zum Renner zu. Dort gibt es die erste Wiener Bierausschank der Klosterbrauerei Andechs, womit wir der Heimat des Brauereigründers wieder näher kommen.

Quellen

https://de.wikipedia.org/wiki/Nu%C3%9Fdorfer_Bierbrauerei

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/W%C3%BCrffelhof

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Lazarus_Henckel

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Jesuitenhof_%2819%29

https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_Theresia

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Nussdorfer_Brauerei

http://www.wien-nussdorf.at/bockk.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Adolf_Bachofen_von_Echt

http://www.döbling.com/data/documents/Doeblinger-Radfahrspaziergaenger-Brauerei-Nussdorf.pdf

http://www.döbling.com/data/documents/Extrablatt-11_2.pdf

http://www.nussdorferplatz.at/rundgang/nuss_platz/nuss_platz.htm

http://www.albert-gieseler.de/dampf_de/firmen7/firmadet78227.shtml

http://www.bierkulturhaus.com/MEDIA/BIERIG-44_Web.pdf

https://tabier.wordpress.com/tag/gablonz/

http://www.pivo-konrad.cz/

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Altenburger_Freihof

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=bbr&datum=19080901&seite=7

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=wmp&datum=19090104&seite=3

http://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/periodical/pageview/280371 (ff)

http://www.kleinezeitung.at/s/wirtschaft/4595102/Die-grossten-Privatbrauereien_Private-Brauereien?bild=4

http://cervisiafilia.blogspot.co.at/2013/12/sociedade-anonima-companhia-paulista-de.html

https://www.willhaben.at/iad/immobilien/gewerbeimmobilien-kaufen/wien/wien-1190-doebling/zinshaus-mit-geschichte-100-leerstand-und-ausbaupotential-133347965/

http://www.immodirekt.at/detail?id=2403933

http://www.chen-nussdorf.at/2012/

http://andechs.de/die-klosterbrauerei/