Brauerei Oberdöbling

Juni 2016

 

Bei der Spurensuche letzten April haben wir gehört, dass die Brauerei Oberdöbling 1833 als Zweigstelle des Gaudenzdorfer Brauhauses errichtet worden ist. Je nach Quelle wird aber auch angegeben, dass die Brauerei Oberdöbling 1821, 1824 oder 1826 von einem gewissen Leonhard Dreher gegründet wurde. Leonhard war zwar mit dem Ur-Dreher Franz Anton, dem wir schon im Brauhaus im Unteren Werd kennen gelernt haben, verwandt, das Verwandtschaftsverhältnis lässt sich aber nicht mehr feststellen.

 

Die Brauerei befand sich an der Adresse Hardtgasse 24. Ein gewisser Joseph Gierster sen., der Vater von Josef Leopold Gierster, der ab 1836 das Gaudenzdorfer Brauhaus leitete, war schon um 1830 in Oberdöbling Braumeister. Nach seinem Tod 1837 wurde die Brauerei von seinen Erben weiter geführt. Eine Verbindung zwischen diesen beiden Brauereien war also jedenfalls gegeben.

 

Bedeutung erlangte die Brauerei, als sie 1856 von den damaligen Besitzern der Ottakringer Brauerei, den Cousins Ignaz und Jakob Kuffner erworben wurde. Ignaz kümmerte sich, wie bereits dort beschrieben, um Ottakring, Jakob wurde Braumeister in Oberdöbling. Jakob war so wie Ignaz sehr sozial eingestellt. Ab 1867 war er Gemeinderat von Oberdöbling, er stiftete unter anderem den Baugrund zur Errichtung des Döblinger Gymnasiums und spendete 5.000 Gulden dafür. 1887 wurde er zum Ehrenbürger ernannt. Interessant ist auch, dass er einer der Glücklichen war, die 1881 den Ringtheaterbrand überlebten.

 

Auch die Brauerei Oberdöbling entwickelte sich positiv. Als Jakob Kuffner 1891 starb produzierte sie 87.000 hl Bier, was mehr als der Hälfte des Stammhauses in Ottakring entsprach. Nach seinem Tod übernahmen seine Söhne Wilhelm und Karl von Kuffner die Firmenanteile von ihrem Vater. Wilhelm blieb wohl in Oberdöbling und ließ sich 1905 in der Vegagasse 20 eine herrschaftliche Villa errichten. Karl von Kuffner leitete hauptsächlich eine Zuckerfabrik in Diószeg in der heutigen Slowakei. Jakobs Tochter Rosa heiratete Friedrich Holitscher, der nach Josef Leopold Gierster Mitbesitzer des Gaudenzdorfer Brauhauses war, womit es wieder eine Verbindung zwischen diesen beiden Brauereien gab. Deren Tochter Elsa wurde Ehefrau von Moriz von Kuffner aus der Ottakringer Linie. Eine weitere Tochter Jakobs, Franziska Kuffner, hatte übrigens den Dichter Hugo von Hofmannsthal zum Schwiegersohn. Aber das hat jetzt wenig mit der Brauerei zu tun.

Villa Kuffner 1911
Villa Kuffner 1911, Der Bautechniker 3. März 1911 Seite 1, Quelle: ANNO/ÖNB
Brauerei Oberdöbling um 1930
Brauerei Oberdöbling um 1930, Quelle: Wikimedia Commons

Ca. 1909 wurde der Betrieb der Brauerei in Oberdöbling aus Rationalisierungsgründen eingestellt. Die Gebäude blieben im Familienbesitz und wurden als Arbeiterunter-künfte für die Ottakringer Brauerei weiter genutzt. Das Ende der Familie Kuffner kam schließlich durch die Naziherrschaft. Die Mitglieder mussten entweder fliehen oder wurden deportiert und ermordet. Der Besitz wurde enteignet, die ehemalige Brauerei und vermutlich auch die Villa wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Ein Foto der traurigen Überreste der Brauerei um 1945 findet sich im Buch Wien-Döbling von Franz Mazanec.

Trotz der Bedeutung des Unternehmens und der sozialen Stellung der Mitglieder der Familie Kuffner in Döbling sind nunmehr keine Spuren mehr vorhanden. Nicht einmal ein Straßenname ist in diesem Fall zu finden. Nichtsdestotrotz wollen wir auch hier die einstige Bierkultstätte besuchen. Wir treffen uns an der U-Bahn Station Spitelau am Ende des Skywalks über den Döblinger Gürtel. Wir folgen der Guneschgasse und erreichen an der Döblinger Hauptstraße den Häuserblock, in dem die Brauerei früher situiert war. Einige Häuser im westlichen und östlichen Teil des Areals Döblinger Haupt­straße/Hardtgasse/Billrothstraße/Schegargasse bestanden schon zur Zeit der Brauerei. Gerade aus weiter in der Hardtgasse 16-30 erreichen wir den Kopenhagenhof, der 1956-1958 anstelle der zerstörten Brauerei errichtet wurde.

Auch wenn man sich hier nicht mehr der Braukunst hingibt, so besticht der Bau doch durch seine vielfältigen anderen Kunstwerke. Interessant ist vor allem ein früher Hrdlicka ("Abstrakte Vogeltränke").

Wir gehen einmal quer durch das weitläufige, parkähnliche Areal bis zur Schegargasse und biegen in diese rechts ein. An der Kreuzung zur Billrothstraße ergibt sich ein kleiner Vorplatz zum Hof. Hier findet sich auch eine Tafel zur Ehre der Hilfsbereitschaft der dänischen Bevölkerung nach den beiden Weltkriegen, was auch Grund für die Namensgebung des Gemeindebaus war. Nach dem Ersten Weltkrieg hat sich hier besonders der „Retter der Wiener Kinder“, Sigurd Jacobsen hervorgetan. Ob er mit dem Gründer der Kopenhagener Carsberg Brauerei, Jacob Christian Jacobsen verwandt ist, ist jedoch nicht belegt. Wir gehen nun durch den Hof wieder zurück. Beim frei stehenden Bauteil der Stiege 9 sollten wir kurz inne halten, denn hier befand sich das eigentliche Brauhaus.

In der Hardtgasse gehen wir weiter zur Billrothstraße. Auf dem Areal Peter-Jordan-Straße/Vegagasse/Lannerstraße/Gymnasiumstraße befand sich einst die Kuffner-Villa. Das Anwesen bestand neben der luxuriösen Villa aus Glashäusern, Gärtner- und Portiershäusern sowie Stallungen. Heute findet sich hier das legendäre Studentenheim Haus Döbling (base19). Auf dem Teil der Anlage zur Vegagasse hin, dort wo sich früher der Eingang zur Villa befand (Nr. 20), sollen frei finanzierte Wohnungen entstehen. Derzeit sieht man jedoch nur eine Baugrube. Für uns interessanter ist der vermutlich noch original erhalten gebliebene Gartenzaun. Wir gehen durch die Lannergasse wieder zurück Richtung Billrothstraße und sehen rechter Hand das von Jakob Kuffner zumindest teilweise gestiftete Döblinger Gymnasium.

Über die Schegargasse erreichen wir unser Ziel, die Erste Wiener Gasthof-Brauerei Fischer Bräu. Schräg vis-a-vis des Kopenhagenhofs wird seit 1985 in unmittelbarer Nähe der einstigen Brauerei Oberdöbling wieder Bier produziert. Ein Gasthaus ist in dem Gebäude jedoch schon zu Bestandszeiten der Brauerei nachweisbar und es kann daher angenommen werden, dass in den Räumen des Lokals auch schon original Oberdöblinger Bier getrunken wurde.